Entwanzung: „Handle stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest“

Von Adrian Rahmani

Mit der „Entwanzung“ hat der Freundeskreis Kreiznacher Johrmarkt, damals auf Initiative von Dieter Gronbach, vor einigen Jahren eine Tradition wiederbelebt, die auf eine örtliche Wortwahl aus dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Schon vor 1900 wurden im damaligen Kreuznach Zugezogene als „Wanzen“ bezeichnet. Nachgewiesen ist, dass 1905 erste Kriterien für „Entwanzungen“ entwickelt wurden. Die entsprechende Prozedur wurde bis in die 1970ziger Jahre von Karnevalisten vor Ort durchgeführt.

Andreas Ludwig hat sich als Taufspruch den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant ausgesucht: „handle stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest“.

In diesem Jahr wurde am Jahrmarktsmontag (24.8.2026) der frühere Bad Kreuznacher Oberbürgermeister Andreas Ludwig „entwanzt“. Welche Vorbereitungen dazu erforderlich waren, macht ein Teilchen der menschlichen Seite der Stadtgeschichte deutlich. Zunächst musste sich Andraes Ludwig einen Paten suchen. Einen in Bad Kreuznach geborenen versteht sich. Idealerweise eine Person, die einen persönlichen Bezug zum zu entwanzenden hat. So kam Ludwig sehr schnell auf Manfred Schäfer.

Den kannte er als „seinen“ Amtsleiter aus den ersten Oberbürgermeister-Jahren. Da hat er mit ihm zwar sehr gut, vertrauensvoll und erfolgreich zusammengearbeitet. Entscheidungserheblich aber war für Andreas Ludwig, dass seine erste dienstliche Jahrmarktsbegegnung mit Manfred Schäfer zu tun hatte. Als der zur Eröffnung 1995 mit dem Fahrrad auf der Pfingstwiese ankam, gab es (wie noch heute) kaum Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Ludwig dachte an seine Vorbildfunktion. Damals noch als Baudezernent.

Und wollte das Rad daher nicht wild an eine Laterne oder ein Gitter anschließen. Manfred Schäfer hatte die rettende Idee. Und schlug vor es hinter dem Stand eines Schaustellers abzustellen. Bei dem handelte es sich um Gerd Modes senior. An diese Anekdote erinnerte auch Manfred Schäfer bei seiner Rede vor der Entwanzung. Wegen der vielen darin gesicherten Details drucken wir daher wesentliche Passagen im Wortlaut ab: „Die durch das Idar-Obersteiner Spießbratenfest geborene Liebe zu Volksfesten hält bei Andreas schon sein Leben lang.

Seine ersten Kontakte zu unserem Jahrmarkt hatte er schon als Kind in den 60ern. Mit seiner Familie kam er von „looh uuwe“ regelmäßig sonntags und dienstags zum Feuerwerk auf die Pfingstwiese. Als ihn nach seinem Studium und zweitem Staatsexamen, Fachrichtung Architektur, sein Lebens- und Berufsweg an die Südliche Weinstraße führte, besuchte er dort auch zahlreiche Weinfeste mit ihrem besonderen Charakter, wobei er besonders die Kommunikation und das Miteinander schätzte.

1995 kam Ludwig als Beigeordneter mit dem Geschäftsbereich Planen und Bauen nach Bad Kreuznach und schon kurz nach seinem Amtsantritt fand der Jahrmarkt statt. Zur Eröffnung kam er mit seinem roten Fahrrad, für das er einen Stellplatz suchte. Den bot ihm Familie Modes hinter ihrem Mandelwagen bereitwillig an. Aus dieser netten Geste erwuchs eine echte Freundschaft zur Familie Modes, die auch heute noch besteht und die ihm den Weg zur Fassenacht ebnete. Heute ist er mit den Fidelen Wespen und dem Nockerbersch eng verbunden und hielt auch zum 125. Jubiläum dieses Vereins eine bemerkenswerte Festrede.

Die gute Arbeit in seinem Dezernat, insbesondere beim Hochwasserschutz, der Konversion und in der Verkehrsplanung (Nord-Süd-Verbindung und zahlreiche Kreisel) brachte ihm nicht nur den Titel „Kreisel-Ludwig“, sondern auch die erfolgreiche Kandidatur zum Oberbürgermeister ein. Auch nach seiner Wahl zum Oberbürgermeister hielt er engen Kontakt zum Jahrmarkt und seinen Veranstaltungen. 2004 erlebte er -nach eigener Aussage- den schönsten Moment seiner Berufslaufbahn auf dem Jahrmarkt.

Er konnte verkünden, dass Anna Dogodnadze in Athen Olympiasiegerin geworden war und die Goldmedaille im Trampolinspringen – Damen-Einzel- gewonnen hatte. Nach ihrer Rückkehr aus Athen wurde sie in einem bemerkenswerten Triumphzug vom Frankfurter Flughafen auf den Jahrmarkt geleitet, wo sie von tausenden Zuschauern gefeiert wurde. Das Fernsehen war auch dabei und Anna durfte das Feuerwerk freigeben und Andreas erlebte alles „in der ersten Reihe“.

Beim Frühschoppen am Jahrmarkt 2008 nahm Ludwig das Thema „Goldmedaillen für Kreuznacher Sportler“ nochmals auf und präsentierte die Medaillensammlung von Konrad Frey (3 Gold-, 1 Silber- und 2 Bronzemedaillen) den staunenden Gästen, bevor sie wieder im Tresor der Sparkasse sicher aufbewahrt wurden. Ludwig schaffte es auch, den Rheinland-Pfalz-Tag 2009 nach Bad Kreuznach zu holen. Die Veranstaltung war ein voller Erfolg und eine positive Werbung für unsere Stadt.

Auch beim Festzug und dem Programm „200 Jahre Jahrmarkt“ im Jahr 2010 arbeitete er engagiert mit und niemand ahnte, dass seine berufliche Tätigkeit in Bad Kreuznach im Folgejahr endete. Über Eisenach und Trier, wo er jeweils als Beigeordneter tätig war und ehrenvoll verabschiedet wurde, kam er 2023 nach Bad Kreuznach zu seiner Familie zurück. Sie hat ihn immer unterstützt und war während seiner Abwesenheit hier wohnen geblieben. Durch zahlreiche Besuche hat er den Kontakt zu Bad Kreuznach nie verloren.

Zwischenzeitlich ist er wieder voll integriert und gut vernetzt. In diesem Jahr hat er zwei ehrenamtliche Tätigkeiten übernommen. In der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hält er den Vorsitz, um Menschen zusammenzuführen und beim Freundeskreis Kreiznacher Johrmarkt hat er den Vorsitz übernommen, um an einem seiner Lieblingsthemen gestaltend und engagiert mitzuarbeiten. So schließt sich der Kreis von „looh uuuwe“ bis „nix wie enunner“.