Offener Brief an den Oberbürgermeister zur Parkraumbewirtschaftung im Kurviertel und der strategischen Rolle der städtischen Bäder:
„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Letz, ich wende mich mit diesem offenen Brief an Sie, weil mir die Entwicklung der Stadt Bad Kreuznach und insbesondere des Kurviertels sehr am Herzen liegt. Der Transparenz halber möchte ich voranstellen, dass ich heute in Wiesbaden lebe, jedoch einen wesentlichen Teil meiner Jugend im Kurviertel von Bad Kreuznach gewohnt habe und dort Eigentümer einer Immobilie bin. Meine Perspektive ist daher keine distanzierte, sondern die eines Menschen, der dieser Stadt und ihrem besonderen Kurviertel persönlich eng verbunden ist.
Zum 1. Januar 2026 wurde in Teilen des Kurviertels gebührenpflichtiges Parken eingeführt. Weiterhin offen ist bislang, ob – wie in anderen Stadtteilen – ein Bewohnerparken vorgesehen wird. Gleichzeitig wurde öffentlich der Eindruck erweckt, dass die Parkgebühren insbesondere dazu dienen sollen, Defizite der städtischen Bäder auszugleichen. Diesen Ansatz halte ich für problematisch, nicht nur aus rechtlichen Gründen, sondern auch deshalb, weil er den Blick auf das eigentliche Potenzial der Bäder verstellt. Mir ist bewusst, dass Frei- und Hallenbad im Salinental, die crucenia therme und das Bäderhaus (wie in nahezu allen Kur- und Bäderstädten) nicht kostendeckend betrieben werden können.
Ich halte es jedoch – ungeachtet der rechtlichen Unzulässigkeit – für einen wirtschaftlich und strategisch kontraproduktiven Ansatz, strukturelle Defizite über kleinteilige Maßnahmen wie Parkgebühren auf einzelne Anwohner, Patienten, Kurgäste und Besucher abzuwälzen. Entscheidend scheint mir vielmehr, dass den Bädern die richtige Rolle im Gesamtsystem der Stadt beigemessen wird. Städte wie Wiesbaden, Baden-Baden und Bad Homburg haben früh erkannt, dass ihre Thermen und Bäder weit mehr sind als einzelne Betriebseinheiten.
Sie fungieren dort als zentrale Anziehungspunkte, die Übernachtungen generieren und Aufenthaltsdauern verlängern, Gäste und Besucher in die Innenstädte führen, Umsätze für Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel schaffen, Arbeitsplätze sichern, und das Image der Stadt nachhaltig prägen. In diesen Städten wird der Erfolg der Bäder nicht allein am Betriebsergebnis gemessen, sondern an ihrem Beitrag zur gesamten städtischen Wertschöpfung. Der kommunale Zuschuss wird deshalb nicht als Defizit, sondern als Investition in Standortattraktivität, Tourismus und Wirtschaftskraft verstanden.
Auch Bad Kreuznach verfügt mit dem Frei- und Hallenbad im Salinental, der crucenia therme und dem Bäderhaus über eine Bäderlandschaft, die – richtig positioniert und professionell gemanagt – ein erheblicher Standortvorteil sein kann. Konkret bedeutet dies, dass die Bäder einen messbaren Beitrag zu zusätzlichen Übernachtungen leisten können, die Auslastung von Hotellerie und Gastronomie auch außerhalb klassischer Saisonzeiten stabilisieren, zusätzliche Umsätze im Einzelhandel durch höhere Besucherfrequenz im Kurviertel und der Innenstadt erzeugen, und die wirtschaftliche Nutzung und Attraktivität des Kurviertels insgesamt stärken.
Diese Effekte sind in anderen Kur- und Bäderstädten belegbar und seit Jahren Teil der dortigen Stadt- und Tourismusstrategien. Diese Wirkung entsteht jedoch nicht automatisch, sondern nur dann, wenn die Bäder strategisch, betriebswirtschaftlich professionell und eng verzahnt mit Tourismus und Stadtmarketing geführt werden. Der Ansatz, Parkgebühren im Kurviertel zur Querfinanzierung von Bäderdefiziten heranzuziehen, geht daher in die falsche Richtung und verfehlt aus meiner Sicht das Ziel, dass die Stadt Bad Kreuznach eigentlich verfolgen sollte.
Eine solche Zwecksetzung halte ich darüber hinaus für rechtlich unzulässig, da Parkraumbewirtschaftung nicht fiskalischen Ausgleichszielen dienen darf. Daneben schwächt dieser Ansatz genau jene Faktoren, die für den Erfolg der Bäder und des Kurviertels entscheidend sind, nämlich Zugänglichkeit, Aufenthaltsqualität und Akzeptanz bei Anwohnern, Gästen und Patienten. Aus meiner Sicht braucht Bad Kreuznach, wie andere erfolgreiche Kurstädte, einen klaren strategischen Ansatz, der die Chancen der Bäder konsequent nutzt.
Dazu gehören eine klare Positionierung und Rollenverteilung innerhalb der Bäderlandschaft als Freizeit- und Sportbad, Gesundheitsbad und touristischer Leuchtturm, ein betriebswirtschaftlich professionelles Kosten- und Erlösmanagement, eine aktive gemeinsame Vermarktung mit Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel sowie eine klare, kennzahlenbasierte Erfolgsmessung, die sich an touristischer Wertschöpfung, Aufenthaltsdauer, Übernachtungen und der Steigerung der durchschnittlichen Ausgaben pro Besucher orientiert.
Gleichzeitig halte ich es – sofern die Einführung des gebührenpflichtigen Parkens einer rechtlichen Überprüfung und einer betriebswirtschaftlichen und strategischen Chancen-Risiko-Analyse überhaupt standhalten sollte – für dringend erforderlich, im Kurviertel, wie in anderen Stadteilen auch, ein Bewohnerparken einzuführen, um Anwohner nicht strukturell zu benachteiligen und die Akzeptanz für die Parkraumbewirtschaftung insgesamt zu sichern. Bad Kreuznach steht vor einer wichtigen Weichenstellung.
Die Bäder können weiterhin vor allem als Defizit betrachtet werden oder als das, was sie in anderen Städten längst sind: ein zentraler Motor für Attraktivität, Tourismus und wirtschaftliche Entwicklung. Ich schreibe diesen Brief nicht aus Distanz, sondern aus Verbundenheit. Gerade deshalb wünsche ich mir eine Politik, die das große Potenzial dieser Stadt erkennt und nutzt: rechtssicher, strategisch, langfristig und klar auf Chancen ausgerichtet. Für einen Austausch stehe ich gerne zur Verfügung. Herzliche Grüße Christian Massmann“
