Stefan Kessler: „König Ludwig II. wurde im Starnberger See ertränkt“

Beobachtet, richtiggestellt und eingeordnet von
Claus Jotzo

Vor mehr als 139 Jahren, am 13. Juni 1886, wurde Otto Friedrich Wilhelm Ludwig II. von Bayern („Märchenkönig“) tot im Starnberger See aufgefunden. Der Todesfall sorgt bis heute für wilde Spekulationen und Verschwörungstheorien. Am 11. November 2025 hat der Zahnarzt Stefan Kessler den staunenden Mitgliedern des städtischen Ausschusses für Stadtplanung, Bauwesen, Umwelt und Verkehr (PLUV) und gut zwei Dutzend Zuhörer*Innen seine Sicht des Geschehens enthüllt: „Ludwig der II. wurde im Starnberger See ertränkt“. Es gibt in den alten Akten Bayerns zwar keine Beweise dafür.

Stefan Kessler (links) erläuterte am 11.11.2025 im PLUV seine Pläne für den Bau von Hotel-Türmen neben der Kauzenburg. Rechts neben ihm Stadtbauamtsleiter Eduard Schuckmann, der das Projekt positiv bewertete.

Auch keine Belege, die andere Todesumstände ausschließen. Und viel mehr, als für einen Mord, spricht wegen der Ergebnisse der Autopsie und nach Einschätzung der großen Mehrzahl der Fachleute für eine Selbsttötung. Aber beim seinem Kampf um die Genehmigung für den Bau von Hotel-Türmen neben der Kauzenburg war es Stefan Kessler wert, das dramatische Ende des heute weltbekannten Monarchen anzusprechen. Um damit die Bedeutung von Höhenburgen zu belegen. Seinem verblüfften PLUV-Publikum zeigte er zusätzlich auch ein Bild von Neuschwanstein.

Um dieses sein Argument optisch zu unterstreichen. Eine gut vorbereitete Präsentation. Die beim Publikum die Assoziation erzeugen sollte: die zum Hotel umgebaute Kauzenburg mutiert damit zum Märchenschloss an der Nahe. Die Wirkung auf die große Mehrheit der Entscheidungsträger*Innen war eine ganz andere. In deren Wahrnehmung war der Hinweis auf Neuschwanstein eher unpassend und deplatziert. Denn den Tod des Kini, wie viele Bayern ihren Märchenkönig heute noch voller Verehrung nennen, setzte Stefan Kessler in einen direkten Zusammenhang mit touristischem Erfolg.

Der hat, so erklärte es Kessler im Planungsausschuss, schon ein Jahr nach dem Ableben Ludwigs II. durch massenhafte Besuche des von ihm erbauten Schlosses eingesetzt. Unerwähnt ließ Kessler übrigens die aktuellen Forschungsergebnisse zu den Gründen, die Ludwig den II. zur Auswahl des Ortes und der Gestaltung seines Bauwerkes antrieben. Demnach wollte der Sohn seinen Vater, König Maximilian II., der in der Nähe Schloss Hohenschwangau ausgebaut hatte, übertreffen: höher, größer, schöner. Auch Hinweise auf die Finanzierung Neuschwansteins verschwieg Stefan Kessler. Aus gutem Grund.

Die von ihm angesprochenen Proteste in Bayern (mit diesem Hinweis versuchte er die aktuellen in Bad Kreuznach gegen sein Projekt zu relativieren) gab es nämlich weniger wegen Bauweise oder Ort. Sondern wegen der Tatsache, dass das Geld dafür über den bayerischen Staatshaushalt den Untertanen abgepresst wurde. Kessler unterließ es auch, die einzig relevante Parallele zwischen dem Schicksal Ludwig des II. und Bad Kreuznach bekannt zu machen. Das hätte ja auch eine ernsthafte und substanzielle Beschäftigung mit dem Thema erfordert, die sich nicht in Showeffekten erschöpft.

Richtig ist nämlich, dass auf den ausdrücklichen Wunsch des Märchenkönigs hin das geschah, was bereits 1821 in Bad Kreuznach von einem anderen Adligen veranlasst wurde. Und auch 65 Jahre später, im Jahr 1886, in Teilen der Gesellschaft noch immer als abwegig und skandalös galt: sein Herz wurde aus dem toten Körper gelöst und am 16. August 1886 in der Gnadenkapelle von Altötting zur letzten Ruhe gebettet. Ganz so, wie es – was seinerzeit einen Skandal im deutschen Sprachraum auslöste – Andreas van Recum mit dem Herz seiner Jeanette machte.

Auf die Bedeutung und die Geschichte hinter dieser Stele im Bad Kreuznacher Schlosspark hatte vor Jahren Kultur-und Weinbotschafterin  Annette Bauer vom Förderverein Klein-Venedig Bohème hingewiesen. Und kürzlich einen Beschluss des Kulturausschusses für deren Sanierung bewirkt.

Deren Leichnam, dagegen konnte der nach wie vor in Bad Kreuznach unterbewertete damalige Besitzer des heutigen Schlossparkmuseums nichts machen, wurde in der Familiengruft bestattet. Ihr Herz ließ der trauernde Witwer in einer Bleikapsel verschliessen. Diese wurde in ein Glasgefäß gelegt und unter einer Gedenksäule im heutigen Schlosspark beigesetzt. In Sichtweite seines Arbeitszimmers. Ob Ludwig der II. sich durch diesen Liebesbeweis post mortem motivieren ließ, ist nicht bekannt. Aber weitaus wahrscheinlicher, als die von Stefan Kessler präsentierte Ertränkungsgeschichte.