Der Bad Kreuznacher Matthäus Wahl überlebte das „Rachelager der SS“

Gastbeitrag von
Hansjörg Rehbein

Im Rahmen der Vortragsreihe im Haus der Stadtgeschichte „Wir erinnern an …“ beleuchtete Dr. Sebastian Weitkamp, Co-Leiter der KZ-Gedenkstätte Esterwegen, am Dienstag vergangener Woche (11.11.2025) die Entstehung und Entwicklung der frühen Konzentrationslager im Emsland 1933/34. Und illustrierte die Ereignisse mit Passagen aus dem Zeitzeugenbericht des Bad Kreuznachers Matthäus Wahl. Im Sommer 1933 wurden die Häftlingsbaracken für das KZ Esterwegen I und II im Emsland gebaut. Im „Rachelager der SS“, so das Zitat eines Häftlings, rechnete die Hilfspolizei Hitlers mit ihren politischen Gegnern ab.

Ein Bild aus besseren Tagen: Matthäus Wahl mit seiner Frau Elisabeth und den Kindern Johann und Ella. Foto: Sammlung Etscheid

Einer von ihnen – Häftling 385 – war von September bis Dezember 1933 der Bad Kreuznacher Matthäus Wahl. Und er war nicht der einzige Bad Kreuznacher, der ins KZ Esterwegen kam. Mit ihm gingen neun weitere Leidensgenossen durch das Tor zur Hölle: Josef Hill, Adolf Dietz, Gustav Gnam, Edmund Hey, Heinrich Jung, Philipp Lubitz, Hennes Maul, Nikolaus Stern und Martin Schreiber. Die Häftlinge im Emslandlager mussten unter schwersten Bedingungen Torf stechen und Straßen bauen. Einige wurden bei „fingierten Fluchtversuchen“ oder wegen angeblich tätlicher Angriffe aus „Notwehr“ erschossen.

Dr. Sebastian Weitkamp

Von den Grausamkeiten der SS-Wachmannschaften berichtet auch Matthäus Wahl in seinem maschinenschriftlich überlieferten Erlebnisbericht. Auch die Presse im Ausland bekam Kenntnis von den Vorgängen im Emsland, sodass die Wachmannschaft der SS im Dezember 1933 entwaffnet wurde und die preußische Polizei die Kontrolle im Lager übernahm. „Uns ist das Herz aufgegangen“, zitiert Dr. Weitkamp Matthäus Wahl. Die Bedingungen wurden daraufhin humaner. Fälle von Misshandlungen wurden nicht mehr bekannt. „Es gab sogar noch Reste eines Rechtsstaates“, so Dr. Weitkamp.

1934 wurde ein SS-Wachmann wegen Misshandlung eines Häftlings zu mehreren Monaten Gefängnisstrafe verurteilt. 1934 übernahm erneut die SS das Kommando und legte beide Lager zusammen. Ab diesem Zeitpunkt waren sie niemandem mehr Rechenschaft schuldig. „Die Richter waren auch die Henker“, so Dr. Weitkamp. 1936 wurde das KZ aufgelöst und nach Oranienburg (KZ Sachsenhausen) verlegt. Ab 1937 wurden die Liegenschaften für ein Strafgefangenenlager genutzt, später dann für Kriegsgefangene. Während des Krieges waren dort mehr als 100.000 Kriegsgefangene eingesperrt.

Mehr als 20.000 Menschen, meist Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, starben an Erschöpfung und Krankheiten, als Folge der körperlichen Misshandlungen oder wurden „auf der Flucht“ erschossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude zunächst als Internierungslager und Abteilung der Strafanstalten Emsland. Von 1953 bis 1959 Flüchtlingsdurchgangslager. Nach dem Abtrag aller Gebäude wurde es von 1963 bis 2001 als Bundeswehrdepot genutzt. Seit 2009 als Gedenkstätte des KZ Esterwegen. Matthäus Wahl wurde wenige Tage vor der Weihnachtsamnestie im Dezember 1933 aus Esterwegen entlassen.

Im Leben konnte er nie wieder richtig Fuß fassen. Er stand unter Beobachtung und musste sich als Handelsvertreter durchschlagen. Mit Frau und Tochter lebte er in sehr armen Verhältnissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste er wegen seiner späten Parteimitgliedschaft in der NSDAP um seine Reputation kämpfen, um als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden. 1980 starb er im Alter von 87 Jahren in Bad Kreuznach. Beigeordneter Markus Schlosser bedankte sich bei Dr. Sebastian Weitkamp für seinen interessanten Vortrag mit den bedrückenden Einblicken in das Lagerleben der Häftlinge und ihrer grausamen Wächter.

„Das Besondere an dem heutigen Abend ist die Verbindung von wissenschaftlicher Expertise und einem persönlichen Schicksal aus unserer Region“, sagte Schlosser bei seiner Begrüßung. Unter den Zuhörerinnen und Zuhörern des Vortrags waren auch seine Urenkelin Yvonne Etscheid und deren Mutter Maria Etscheid. Dr. Sebastian Weitkamp ist Autor von Büchern über den Nationalsozialismus, u.a. „Durchsetzung der Diktatur – die frühen Konzentrationslager“ und die „Hölle im Moor – Die Emslandlager 1933 – 1945“, „Das Konzentrationslager Esterwegen 1933/34″ und der „Bericht von Matthäus Wahl“.

Autor Hansjörg Rehbein ist beim Hauptamt der Stadtverwaltung Bad Kreuznach beschäftigt; Bild: Ralph Gralke