Seit dem frühen Morgen des 7.6.2025 um 1:24 Uhr ist er weg, der Löwensteg. Der zuvor über 100 Jahre lang Rollstuhlfahrer*Innen, Fussgänger*Innen und Radfahrer*Innen als Verbindung zwischen der oberen und der mittleren Mannheimer Strasse diente. Das Ausheben der Stahlkonstruktion wurde von vielen Verantwortlichen öffentlichkeitswirksam mit Krokodilstränen bedacht, die zuvor sieben Jahre lang nichts konkret dafür taten, den Ersatz rechtzeitig zu planen. Obwohl seit dem Herbst 2018 alle Sach- und Rechtsfragen unverändert klar sind. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten kommt nur ein 1 zu 1 Nachbau in Frage.

Dem muss die Bahn AG zustimmen, wenn die Stadt sich im Gegenzug verpflichtet, den Ersatzbau wieder ausheben zu lassen, sobald wegen einer Elektrifizierung der Nahestrecke ein (dort nicht realisierbares) Höherlegen um über einen Meter erforderlich werden sollte. Von der Elektrifizierung wird seit über 40 Jahren gesprochen. Getan hat sich nichts. Und es ist nicht im Ansatz erkennbar, dass die Bahn AG, die an anderen Stellen Probleme ganz anderer Größenordnung hat, in absehbarer Zeit Planungskapazität und Geld dafür hat. Diese von der Stadtpolitik wie eine Monstranz vor sich her getragene Hürde löste sich in diesem Jahr angesichts der Fakten endlich in Luft auf.

Und schon wurde von den Verantwortlichen eine zweite Hürde aufgebaut: plötzlich wurde zum Thema, ob die alten Widerlager eine neue Konstruktion tragen würden. Wäre ein Neubau der Widerlage erforderlich, wäre das der finanzielle Todesstoss für die Ersatzlösung an gleicher Stelle. Jeder gutwillige Verantwortliche hätte daher bereits Anfang 2025, als der Abriss des alten Löwensteges beschlossene Sache war, die Widerlagerprüfung in Auftrag gegeben. In Bad Kreuznach erfolgte das nicht. Erst nachdem der Löwensteg weg war, wurde das zum Thema. Im Juli versprach die Stadt dann die Inauftraggabe der entsprechenden Prüfung.
Im Sommer wurden über 3.000 Unterschriften für einen Ersatz-Löwensteg gesammelt. In der Stadtratssitzung Ende August unterstützten drei Dutzend Demonstranten das Anliegen. Denen wurde eine schnellstmögliche Bearbeitung der Sache versprochen. Wie das aussieht, wurde in der Sitzung des Ausschusses für Stadtplanung, Bauwesen, Umwelt und Verkehr (PLUV) am Dienstag dieser Woche (23.9.2025) deutlich. Stadtrats- und Ausschussmitglied Karl-Heinz Delaveaux (Fraktion FWG / BüFEP) fragte nach dem Sachstand. Und erhielt die ernüchternde Auskunft, dass bisher nicht einmal der entsprechende Antrag für die Durchführung der Prüfung bei der Bahn vorliegt.
Das hat folgenden Hintergrund, den Hans Sifft vom städtischen Tiefbauamt erfreulich offen erläuterte. Um die Tragfähigkeit der Widerlager zu ermitteln, sind Bohrungen erforderlich. Ein Unternehmen, das sich dazu in der Lage sieht, ist mittlerweile gefunden. Um an den relevanten Stellen bohren zu können, sind Gerüste nötig. Auch wenn diese nicht auf den Gleisen errichtet werden müssen, können sie aufgrund der richtigerweise strengen Sicherheitsvorschriften für den Zugverkehr nur aufgestellt werden, wenn eine sogenannte „Betriebs- und Bauanweisung (Betra)“ vorliegt. Dabei handelt es sich um eine schriftliche Anweisung für Bauarbeiten bei der Deutschen Bahn.
Weil trotz der gesetzlichen Bestimmung, derzufolge „deutsch“ die Amtssprache in Deutschland ist, die Bahn AG eigenes Sprach-Recht praktiziert, kann eine Betra nicht einfach von irgend jemand beantragt bzw vorgelegt werden. Sondern nur von einigen wenigen Auserwählten, die „bahnisch“ sprechen. So hat es der frühere Tiefbauamtsleiter Philipp Geib den Kommunalpolitiker*Innen schon im vergangenen Jahr erklärt. Und noch ist das Stadtbauamt auf der Suche nach so einem Auserwählten. „Wir sind dabei eine Firma zu finden, die uns eine Betra für die Bahn macht“, formulierte Hans Sifft seine Antwort auf die Frage von Karl-Heinz Delaveaux. Das Ziel sei, „so schnell wie möglich“ weiterzukommen.
Und dann benannte Sifft die Zeitspanne, die allein für das Erlangen der Betra benötigt wird: „acht Wochen, bis wir die haben“. Damit ist klar, dass die Untersuchung selbst frühestens im Dezember 2025 stattfinden wird. Und erst dann die Entscheidung fallen kann, ob die Widerlager eine Ersatzbrücke tragen. Dann ist der Löwensteg schon so lang Geschichte und andere Themen bestimmen die Tagespolitik, dass der Ersatzbau auf der Prioritätenliste immer weiter nach hinten rutscht. Nach dem Muster der „Sanierung“ des Casinogebäudes. Die wurde vor zehn Jahren auf den Weg gebracht. Rund vier Millionen Euro Steuergeld sind futsch. Das Gebäude ist nach wie vor nicht nutzbar.
