Marita Peil: „Bad Kreuznach unter dem Hakenkreuz“

Gastbeitrag von
Hansjörg Rehbein

Marita Peil ist eine profunde Kennerin der Bad Kreuznacher Stadtgeschichte. Die Hobby-Historikerin hat sechs Bücher geschrieben. Ihr siebtes erscheint am Jahresende und trägt den Titel „Bad Kreuznach unter dem Hakenkreuz.“ Auf rund 1.000 Seiten beschreibt sie den „Alltag im Dritten Reich“. Am Tag der offenen Tür im Stadtarchiv führte sie eine Besuchergruppe an die Gebäude und Plätze, an und auf denen die Nationalsozialisten Präsenz zeigten. „Die Gäste waren erstaunt und betroffen wie viele das waren“, so Marita Peil.

Der Kornmarkt (bis 1938 Bismarckplatz) war der Aufmarsch- und Paradeplatz der Nationalsozialisten. Das Foto von Heinz-Günther Heisterkamp aufgenommen, zeigt die Vereidigung der Hitlerjugend im September 1941. Quelle:: Stadtarchiv

Im Adressbuch von 1943 stehen 29 Einträge der vielen Organisationen der NSDAP SA, SS, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel (BDM) etc., die sich wie ein Spinnennetz über die gesamte Innenstadt ausbreiteten. Die große Hitze hielt einige Interessenten zu Hause. Wegen der dennoch guten Resonanz und Nachfragen will Stadtarchivarin Franziska den Rundgang mit Marita Peil wieder anbieten. Der Rundgang startete am Casinogebäude (Brückes 1, Ecke Stromberger Straße). Dort war Sitz der NS-Volkswohlfahrt. „Die braunen Schwestern gaben dort Karten für Lebensmittel, Brennstoffe und Kleider aus“, erzählte Marita Peil.

Marita Peil zeigt das Gebäude, die ehemalige Reichsbank, in der die gefürchtete Gestapo „residierte“. Heute ist dort das Gesundheitszentrum.

Bis 1939 war dort auch der tägliche Mittagstisch, an dem Bedürftige für eine Reichsmark essen konnten. Ab 1939 gab den Mittagstisch dann in der Rheingrafenstraße 2. Im Stadthaus verteilt auf die Hochstraße 45 und 48 saß die Stadtverwaltung mit Bürgermeister Dr. Wetzler. „Das eigentliche Sagen hatte aber NSDAP-Kreisleiter Schmitt“, der als fanatischer Antisemit auch „Judenfresser“ genannt wurde. Schmitt residierte mit seinem Stab und Unterorganisationen im „Braunen Haus“ in der Mannheimer Straße 170.

Die NSDAP hatte das heruntergekommene Haus, einst die Gaststätte „Goldener Hirsch“, 1933 gekauft und saniert. In einem Schaukasten hing das Nazi-Hetzblatt „Stürmer“ aus, im Eingang stand eine riesige Hitler-Büste. Das sogenannte Volkshaus wurde im Zweiten Weltkrieg 1944 bombardiert. Die Kreisleitung zog in die Weinbauschule. Die NSDAP-Geschäftsstelle war auf der Wilhelmbrücke (Hausnummer zwei). Im Schaufenster des rechten Flügels lag NS-Literatur, die man kaufen konnte.

Iim linken Flügelbefand sich Max Wetzels „Brückenschänke“, das Stammlokal der Hitlerjugend. Wetzels Lokal in der Fischergasse dominerte die Sturmabteilung (SA) mit ihren Heimatabenden. Das Fausthaus war das Prestigeobjekt der Nationalsozialisten. Sie renovierten das Haus, bauten die Ratsstube im 1. Stock aus und hielten dort ihre Ratsversammlungen ab. Wer bei der gefürchteten Geheimen Staatspolizei (Gestapo) vorgeladen war, musste in das Gebäude der Reichsbank (heute Gesundheitszentrum Nahe St. Marienwörth).

Aufmarsch- und Paradeplatz war der Kornmarkt (bis 1938 Bismarckplatz). Hier formierten sich Fackelzüge, hier wurde die Hitlerjugend vereidigt. Der Bund Deutscher Mädel (BDM) und die Jungmädel hatten ihr Heim im Haus Nummer 5 (heute Targobank). Nicht weit davon, in der Steingasse 6, war das Lokal „Prinz Carl“. Der Wirt warb am 26. Juni 1936 im Nationalblatt. „Ältestes Partei- und Verkehrslokal“ am Platz. „Hier traf sich auch die Frauenschaft zu Handarbeiten.“ Auf der Homepage Haus der Stadtgeschichte sind unter „Erinnerungskultur“ aus den Adressbüchern von 1937, 1939 und 1943 alle NS-Standorte in Bad Kreuznach aufgeführt.

Autor und Fotograf Hansjörg Rehbein ist beim Hauptamt der Stadtverwaltung Bad Kreuznach beschäftigt